Corry Guttstadt: Die Türkei, die Juden und der Holocaust, Assoziation A, Berlin, Hamburg, 2008
Im Vorfeld und während der diesjährigen Frankfurter Buchmesse rückte die Türkei als Exilland erneut ins Blickfeld der Historiker, Literaturwissenschaftler und Rezensenten. Zahlreiche aktuelle Publikationen widmen sich dem Thema der Zuflucht deutschsprachiger Wissenschaftler und Politiker in der Türkei zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Berliner Wissenschafts-Verlag veröffentlichte zur Buchmesse und anlässlich des 75jährigen Geburtstages der Istanbul Universität die
Autobiografie des Rechtswissenschaftlers und späteren Rektors der FU
Berlin, Ernst Hirsch. Ebenfalls jüngst erschienen ist der Band
"Kulturtransfer und nationale Identität", der sich mit dem Wirken
deutschsprachiger Städteplaner und Architekten in der Türkei beschäftigt. Es ist die Erfolgsgeschichte der mehrheitlich jüdischen deutschen Intellektuellen, die hier im Vordergrund steht, hochqualifizierter Zuwanderer deren Aufgabe es war, die Universität Istanbul "neu zu gründen" sowie eine moderne Städteplanung und Infrastruktur zu entwickeln. Die Neuerscheinungen erhellen den Fakt, dass die Türkei im Zuge ihres Modernisierungsprogramms ab 1933 deutsch-jüdische Professoren, Wissenschaftler und Architekten damit zugleich vor Deportation und Tod rettete.[1]
Das türkische Exil war um vieles komplexer, als die zahlreichen Erinnerungen und Erfolgsgeschichten der geretteten prominenten Wissenschaftler glauben machen. Das bezeugt der berühmte Humanismusbrief des Romanisten Ernst Auerbach (1892-1957). Die Nationalsozialisten hatten Auerbach im Jahr 1935 von seinem Romanistik-Lehrstuhl in Mannheim vertrieben. Er nahm die Gelegenheit beim Schopfe und reiste, als sich für jüdische Wissenschaftler an der Istanbuler Universität neue Perspektiven eröffneten, in die Türkei aus. Im türkischen Exil entstand in den Jahren 1942 und 1943 das "Meisterwerk der Weltphilologie" Erich Auerbachs, das Buch "Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur". Auerbach verfasste "Mimesis" zwischen 1942 und 1943 in Istanbul. [2]
Auerbach, dem laut Vertrag jede Einmischung in die türkische Politik verboten war, schreibt in seinem Humanismusbrief ganz offen über die drückende Unsicherheit, in der die Exilakademiker in der Türkei lebten. Jederzeit konnte sich die politische Situation zu ihren Ungunsten wandeln und zur Vertreibung führen.[3] Hier scheint die Ambivalenz des türkischen Exils auf, die fernab der Erinnerungsliteratur und der 500-Jahresstiftung bislang nur zu einem geringen Teil Eingang in die Literatur gefunden hat.
Einen empirisch fundierten Zugang zur deutsch-jüdisch-türkischen Holocausterfahrung bietet der pünktlich zur Frankfurter Buchmesse im Verlag Assoziation A erschienene Gesamtüberblick von Corry Guttstadt "Die Türkei, die Juden und der Holocaust". Es ist die türkische Perspektive, die es der Autorin erlaubt, das Thema des türkischen Exils deutscher Intellektueller unvoreingenommen historisch zu kontextualisieren. Sachlich zeigt die Autorin die Funktionalität der Fluchtnischen im Kontext der Modernisierungs- und Türkisierungspolitik des jungen türkischen Nationalstaates und im Kontext des Bündnisses bzw. der guten Beziehungen der türkischen Republik zu Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg auf.
Das Resultat ist eine ausgewogene und zugleich erschütternde Darstellung der Situation der 144 Wissenschaftler, Dozenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter an den Universität in Istanbul und Ankara sowie auch der nicht auf dem Wege der Profession, sondern illegal oder auf andere Weise in die Türkei ausgewanderten deutschen Juden. Nicht aus humanitären Gründen, sondern aus Nützlichkeitserwägungen nahm die Türkei die deutschen Intellektuellen auf. Vielen jüdischen Flüchtlingen wurde die Einreise verwehrt. Währenddessen hatte der Antisemitismus für die türkischen Behörden keinerlei ideologische Bedeutung. Es ging der Türkei um die Kontrolle der Einwanderung im Sinne der türkischen Staatsräson. Zugeständnisse an Deutschland gab es aber. Die deutschen Juden standen auch in der Türkei unter ständiger Kontrolle der NSDAP, die über die deutsche Botschaft agierte.
Während die Türkei den mörderischen Antisemitismus Deutschlands ablehnte, verschärften die Behörden in den Jahren 1937 und 1938 angesichts wachsender Zahlen jüdischer Flüchtlinge die Einwanderungssteuerung, um einen massiven Zuzug in Deutschland, Österreich, Italien und Rumänien verfolgter und benachteiligter Juden zu verhindern. 300 bis 400 aus Deutschland in die Türkei geflohene Juden wurden, oftmals trotz langjährigem Aufenthalt im Lande, ausgewiesen, die Mehrzahl der Einbürgerungsanträge deutscher Wissenschaftler bis auf prominente Ausnahmen abgelehnt, viele Arbeitsverträge des universitären Mittelbaus 1938 nicht verlängert. Damit verfielen die Aufenthaltsgenehmigungen der Wissenschaftler.
Die Politik der türkischen Behörden lässt sich eingebettet in die von Guttstadt gelieferte Darstellung des gesamthistorischen Kontextes der "türkischen Moderne" und ihrer Widersprüchlichkeit, wie sie besonders in der Minderheitenpolitik und in der Türkisierung des Landes zum Ausdruck kamen, deuten. Die von der türkischen Republik nicht zuletzt auf internationalen Druck (Abkommen von Sèvres) deklarierte Gleichbehandlung der Minderheiten des Landes wurde zum Inbegriff der jungtürkischen Staatsräson. Die "Ambivalenz zwischen einem Rückgriff auf den Islam als einigender und mobilisierender Ideologie der herrschenden muslimischen Bevölkerungsgruppen und dem modernen (z.T. rassistischen) Nationalismus" materialisierte sich in der rigiden Türkisierungspolitik der 20er Jahre, so die These Guttstadts. Armenier, Griechen und Juden verzichteten unter dem Vorzeichen der so verstandenen Gleichbehandlung "freiwillig" auf ihre Minderheitenrechte. Die ökonomische Türkisierung bedeutete für viele Angehörige der Minderheiten den Verlust der Arbeitsstelle und der wirtschaftlichen Existenz. Auch das Staatsbürgerschaftsrecht benachteiligte nichtmuslimische Minderheiten, indem zwischen Türken und Staatsangehörigen unterschieden wurde.
War das multiethnische Osmanische Reich, wie Guttstadt ausführlich im ersten Teil ihres Buches schreibt, über Jahrhunderte zum Zentrum der sephardischen Juden geworden, so bewirkten der Zerfall des Reiches, die unter den Juden verbreitete Armut - nur wenigen gelang es mit kleinen Unternehmungen in den Mittelstand aufzusteigen - und die Türkisierungspolitik in den 20er Jahren einen Massenexodus türkischer Juden in die USA und nach Europa. Laut Schätzungen lebten 1914 etwa 130.000 Juden im Gebiet der späteren "Resttürkei". 1935 kam eine Volkszählung auf 78730 türkische Juden. Allein zwischen 1921 und 1929 waren nach Informationen des Jewish Chronicle 70.000 Juden aus der Türkei ausgewandert.
In den dreißiger Jahren durchlebte die türkische Gesellschaft eine Radikalisierung des Nationalismus, autoritärer und faschistoider Tendenzen gesellschaftlicher Gruppen und Medien und stand zudem unter dem Einfluss NS-Deutschlands. Die Situation der Juden in der Türkei war zwar keinesfalls vergleichbar mit der Situation in Deutschland. Wie alle nichtmuslimischen Minderheiten litten die Juden aber unter der willkürlichen Siedlungspolitik (Umsiedlungsgesetz von 1934), der Sonder-Vermögenssteuer (1942/1943) und Zwangsarbeit (1941 bis 1943). Laut Guttstadt lasse sich an dem Zusammenhang der Siedlungspolitik und der antisemitischen Ausschreitungen der Bevölkerung in Thrakien deutlich die Ambivalenz der türkischen Politik zeigen: einerseits offizielle Erklärungen gegen den Antisemitismus, anderseits Duldung antisemitischer Vorgänge wie in Thrakien, soweit sie den türkischen nationalen und staatlichen Interessen dienten oder zumindest nicht im Gegensatz dazu standen.
Guttstadt geht auch der Darstellung der Türkei als Transitland für die von den Nationalsozialisten verfolgten westeuropäischen Juden auf den Grund. Insgesamt 13.240 Juden fanden mit Visa oder zumindest mit Duldung der Türkei den Weg nach Palästina. Rund 11.000 Juden gelang in den Jahren 1940/1941 und 1944/45 über die Türkei die Flucht. Die Autorin weist nach, dass die Türkei jedoch in der Zeit des deutsch-türkischen Freundschaftsvertrages 1941 bis Anfang August 1944 die Durchreise der Juden blockierte.
Die Autorin zeichnet das Schicksal der ausgewanderten türkischen Juden in Westeuropa nach und geht im abschließenden Kapitel auf die türkische Politik bzw. die türkische Unterlassungspolitik zum Schutze der aus der Türkei stammenden Juden, rund 20.000 bis 25.000 Menschen, ein. Ein Mosaikstein dieser Politik war die eigensinnige Fortsetzung der Massenausbürgerungen, die ab dem Jahre 1929 zum Instrumentarium der Türkisierung zählten. Im Zuge der von den Nationalsozialisten ultimativ geforderten Zwangsrepatriierung gab es für Juden mit einer türkischen Staatsbürgerschaft zumindest einen Funken Hoffnung, den Holocaust zu überleben, auch wenn die "Heimschaffung" in die Türkei für die Betroffenen eine Zwangsabschiebung bedeutete. Mit den massiven Ausbürgerungen entzog das Land den aus der Türkei ausgewanderten Juden seinen Schutz. Die Repatriierung der verbliebenen türkischen Juden zog sich über Jahre hin. Von den einst fünf- bis zehntausend in Europa lebenden und aus der Türkei stammenden Juden, die im Besitz der türkischen Staatsbürgerschaft waren, repatriierte die Türkei letztlich nur 850 bis 900 Menschen. Eine erste Bilanz der Deportationen spricht von 2.200 bis 2.500 Juden türkischer Abstammung, die während des Holocaust in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor deportiert wurden sowie von 300 bis 400 Menschen, die in Konzentrationslager verschleppt wurden. Unter dem Eindruck der antijüdischen Politik der Türkei und der Etablierung vom deutschen Vorbild inspirierter Antisemiten wanderten nach 1945 35.000 bis 40.000 Juden aus der Türkei aus.
Nicht zu unrecht wird das Buch der Turkologin und Historikerin Corry Guttstadt im Klappentext als die wohl wichtigste Arbeit über die sephardischen Holocaustopfer türkischen Ursprungs angekündigt. Akribisch geht Guttstadt dem Schicksal der in den westeuropäischen Staaten ansässigen türkischen Juden während des Holocausts nach. Auf dieser Grundlage hat sie eine empirisch reichhaltige und zugleich theoretisch-anspruchsvolle Analyse veröffentlicht, die eine differenzierte Debatte über das Exil deutsch-jüdischer Intellektueller im Kontext der türkisch-jüdischen Geschichte anregen wird.
[1] Siehe die Sammelrezension von Christiane Schlözer in der Süddeutsche Zeitung vom 08.10.2008, S. 14. [2] Siehe die Rezension von Wolfgang Lepenies in der Zeitung Die Welt vom 16.10.2008, S. 28. [3] Martin Vialon kommentiert und erläutert den "Istanbuler
Humanismusbrief" Auerbachs in der Süddeutschen Zeitung vom 14.10.2008,
S. 16.
SW
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