Sebastian Haffner Anmerkungen zu Hitler. Kindler Verlag GmbH München, 8. Auflage 1978
„Mich persönlich, so schrieb im August 1977 eine dreizehnjährige Schülerin in einem Leserbrief an den ´Spiegel, wundert die Unwissenheit der Jugend nicht so sehr, weil ich – ehrlich gesagt – auch nicht sehr viel mehr weiß. Die dicken Wälzer würde ich gar nicht verstehen. Doch wenn mir jemand ein gutes Hitlerbuch nennen würde, das nicht zu lang und nicht zu schwer ist, […]. Ich würde es sofort lesen.“
Sebastian Haffner schreibt einzigartig. Das vorliegende Buch „Anmerkungen zu Hitler“ füllt eine Lücke unter den zahlreichen Hitlerbiographien, weil der Autor es schafft, einen eher ungewöhnlichen Standpunkt im Bereich der geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung dieses Themas einzunehmen. Er geht weit über den durchschnittlichen „antifaschistischen“ oder gar „politisch-korrekten“ Ansatz hinaus. Gegliedert in sieben Kapitel mit den Titeln: Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen und Verrat stellt das Buch konzentriertes Wissen um die Figur und Psyche Adolf Hitlers dar.
Als Zeitzeuge von vorn herein im Vorteil, zusätzlich mit einem äußerst umfangreichen Hintergrundwissen ausgerüstet, beschreibt Haffner die Person und das Phänomen „Hitler“ vom Beginn seiner politischen Karriere um 1920 bis zu deren desaströsem Ende 1945. Haffner versucht erfolgreich, die Psyche und Persönlichkeit Hitlers zu analysieren. Aber er tut das eben nicht wie der allgemeine Mainstream vor allem jüngerer populärhistorischer Reportagen und Untersuchungen, bei denen das (meistens und wohl aus „politisch-korrekten“ Gründen schon vorher feststehende) Endergebnis, „dass Hitler eben böse war“ auch der Ausgangspunkt ist. Seine Psychoanalysen gehen bedeutend tiefer und beziehen nicht nur die Person Hitlers oder die Nationalsozialisten oder das deutsche Volk mit ein, sondern vordergründig die seinerzeit vorherrschenden, national wie global vorhandenen und wirksamen Grundstimmungen politischer, kultureller etc. Natur. Dadurch gelingt es Haffner vor allem auch, den immer sehr oberflächlichen, zurückliegende Zeiten moralisierenden Standpunkt des „früher waren alle dumm, heute sind wir alle klug“ zu vermeiden.
Durch dieses unwahrscheinliche Verständnis für die Stimmungen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, die heute oder überhaupt von einer späteren Zeit sonst immer nur sehr schwer nachzuvollziehen sind, wird auch der Leser zum Teil mit in den Strudel der Ereignisse gezogen und ist gezwungen, eindimensionale Betrachtungen der Geschichte bis 1945 zumindest zu überdenken.
Und genau das macht Haffners intellektuellen Scharfsinn aus: der ständige und ansteckende Wille zum sich Hineinversetzen in längst verflogene und vergessene "Volksstimmungen", bei gleichzeitiger Betrachtung jedes, auch gern übersehenen Details, noch dazu unter verschiedenen Sichtweisen des „Damals“, des „Heute“ und sogar noch des fiktiven „Was wäre (heute), wenn (damals)… ?“.
Haffner, der selbst kein Jude war, aber nach eigenen Angaben „immer eine starke Affinität zum deutschen Judentum“ (in seiner intellektuellen Ausprägung) hatte, gelingt in der Betrachtung der Person Adolf Hitlers die Gradwanderung zwischen:
a) der schonungslosen Analyse all des (selbst)mörderischen Egozentrismus, der fatalen Halbbildung und daraus resultierender Überheblichkeit, der explosiven Willenskraft ohne Zukunftsdenken bei gleichzeitigem lebenslangen Herumtragen des Antisemitismus „wie einen Buckel“ etc., kurz eben all dessen, was die bekannten Eigenschaften Hitlers ausmacht, bei
b) dazu paralleler Deutung der Wirkungen, welche die wirtschaftlichen, militärischen und politischen Strategien Hitlers der Jahre 1933 – 38/39 auf zumindest einen sehr großen Teil der Deutschen hatten und haben mussten. Natürlich nicht, um eine verhohlene Bewunderung für Hitler zu kaschieren, sondern um eben zu erklären, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass ein unbekannter und unbedeutender Adolf Hitler der 1910er und 1920er Jahre zu einer solchen politischen Allmacht gelangen konnte.
Davon ausgehend, dass auch Geschichte aus Tagesereignissen besteht, verfeinert Haffner die Kernfrage „Wie konnte es dazu kommen?“ zu: „Welches spezielle Ereignis/Phänomen x hatte welches Ereignis/Phänomen y zur Folge?“ und zeichnet damit ein sehr lebendiges, mehrdimensionales Bild der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus mit all seinen Emotionen, Höhen und Tiefen. So gelingt es auch dem heutigen Leser, nicht nur zu erfahren, sondern auch zu verstehen, was damals geschah und warum die Geschehnisse eben genau so abliefen, wie sie es taten.
Haffner überzeugt nicht zuletzt durch seinen einfachen, ganz bestimmt nicht nur für das akademische Publikum gut zu verstehenden Sprachstil. Das Buch ist mit 191 Seiten recht bündig und übersichtlich aufgebaut und auch für jüngere Altersklassen geeignet.
Alles in allem ein wirklich „gutes Hitlerbuch“.
M. Wetzstein
